Geschichte(n), die niemand braucht! (2)

 

Nach dem Einstieg in „Geschichte(n), die niemand braucht“, muss ich als Autor noch etwas ganz Wichtiges erklären: Meine Geschichten, die Orte, Personen, Namen und selbst die Republik in welcher sie spielen sind frei erfunden und Ähnlichkeiten sind rein zufällig. Selbst ich habe mich er(/ge)funden und bin rein zufällig hier.

Nachdem das geklärt wäre, geht es hier weiter:

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Nach dem Militärputsch in der Gesellschaft für Sport und Technik umzäunte man Gebäude und Abstellflächen. Flugplätze mit Motorflugzeugen wurden sogar mehrfach mit Stacheldraht eingezäunt, die Umzäunungen in Sicherheitszonen 1 bis 3 eingeteilt und feste, ständig besetzte Polizeiposten eingerichtet. Das Personal (heute: Vereinsmitglieder) wurde per Liste in Kategorie 1 bis 3 (entsprechen den Sicherheitszonen) eingeteilt und mit Ausweisen ausgerüstet, die dem diensthabenden Polizisten vorgewiesen werden musste, um z.B. die Tankzone oder den Hangar zu betreten.
Nach der Wiederzulassung des Fliegens 1981 wurden vor jedem Flugbetrieb Pläne erstellt, wer wann in welchem Luftraum fliegen solle und wer ihn dabei beobachtet. Praktisch sah das dann so aus, dass der Luftraum im Sichtradius des Flugleiters in 4 Sektoren zu je 90 Grad Öffnungswinkel aufgeteilt wurde, sich in jedem Sektor nur 2 Flugzeuge aufhalten durften, wobei jedes einzelne von einem Menschen am Boden beobachtet wurde. Am rechten Arm trugen die Beobachter Binden mit dem Kennzeichen des beobachteten Segelflugzeuges als Aufschrift.
Um die oben genannten Maßnahmen durchzusetzen, bedurfte es infrastruktureller Änderungen und nicht unerheblicher finanzieller Mittel. Man trennte sich darum von etwa von der Hälfte der bis dahin existierenden Flugplätze. Technik und Leute wurden aufgeteilt, hauptamtliches Personal eingesetzt.

Ein wenig frei erfundenes Hintergrundwissen zu Text: im Jahr 1979 nahmen sich ein paar Leute mehr als sonst das Privileg der Ausreise aus dem Arbeiter- und Bauernstaat mit einem Luftfahrzeug der GST. Die Staatsmacht reagierte mit voller Härte: Schließung sämtlicher GST-Flugplätze bis auf weiteres. Im darauffolgenden Jahr wurden die Schaltstellen der Macht in der GST komplett von Militärs besetzt und die Ausbildung auf die Vorschulung von Militärfliegern ausgerichtet. Allen nicht 150 % systemkonformen Kameraden und denen mit Verwandschaft im Westen wurde das Fliegen und sogar das Betreten von Flugplätze verboten. Streckenflüge mit Segelflugzeugen gab es nicht mehr.

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Strausberg 1982: Segelflugzeuge zwischen Stacheldraht und Militärtechnik

Einen Tag Flugverbot wegen Nichteinhaltung des Mindestabstandes zu Wolkenuntergrenze steht in meinem Flugbuch. An diesem Tag gab es keine einzige Wolke. 2150 Meter nach Standarddruck war die größte zulässige Flughöhe im Luftraum der DDR. Genau diesen Wert zeigten 12 Höhenmesser in 12 Flugzeugen über dem Thüringer Wald am 18.08.78 an. Bei allen waren die Bremskappen raus, die Varios im plus. Wie verabredet haben alle die Bremsen reingeschoben und sind auf 3500 Meter nach QFE (4100 m STD) gestiegen.
Auf dem Schneekopf gab es eine russische Radarstation, ähnlich der Wasserkuppe. Von dort kam ein warnend freundlicher Anruf. Dann gab es Stress im Funk: einige schwindelten, andere antworteten einfach nicht. Also schickte man eine Wilga. Die stieg auf 2150 m STD und der Pilot notierte alle Kennzeichen über sich: alle. Bestraft hat man aber nur mich, denn ich war Offizier.

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Das einzige Flugverbot meines Lebens

Damit das mit den Flugbüchern nicht ganz so trocken wird, streue ich schon mal ein paar Bilder und Storys aus der Zeit dazwischen.
Eine Geschichte endet 1989 mit einer Prügelei hinter der Flughalle in Suhl.
1977 fängt Bernhard E. mit der Segelflugschulung an. Er hat das Ziel, segelfliegenderweise das ehemalige Bundesgebiet zu erreichen. Dafür lässt er sich ausbilden. Einmal mussten wir ihn in den Doppelsitzer heben, weil er über starke Rückenschmerzen klagte.
Nach seiner Flucht sind alle, die an seiner Ausbildung beteiligt waren, verhört worden. Manfred Frank hatte einen Schwager im Westen und Beziehungen zu ihm. Er war ein guter Fluglehrer. Vom Vater erbte er eine kleine Fabrik, die er dann scheibchenweise den Kommunisten vermachen musste. Aus Überzeugung ist er auch noch selber der SED beigetreten. Ich denke, es war einfach notwendig um die vollständige Wandlung vom Ausbeuter zum Kommunisten zu dokumentieren oder einfach in seiner Heimat zu leben und zu fliegen. Vielen war er in seiner Art zu unbequem und die Flucht Eberhardts stellte den Anlass seiner Ablösung dar. Die Kaderfrage ward von der Nomenklaturstelle negativ entschieden. Eine mündliche Information und das war´s. Keine Nachfrage möglich.
Negativ bedeutete niemals wieder den Flugplatz zu betreten, bedeutete all seine alten Freunde zu verlieren, denn die durften einen nicht mehr kennen, wollten sie nicht das gleiche Schicksal erleiden.
Hart für einen der Pioniere, der Macher de Segelfluges in Südthüringen. Danach ist Manfred Frank nie wieder geflogen, nur noch gelaufen. Tausende Kilometer auf dem Rennsteig.
Und dann kommt so einer nach der Wende und erzählt jemanden, der diese Wende mitgestaltet hat was vom Pferd.

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Der FES Lehrmeister, entwickelt als erstes doppelsitziges DDR-Schulflugzeug in Gotha, gebaut in Lommatsch, für zu alt befunden und verbrannt. Ich war sein letzter Pilot.

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