Geschichte(n), die niemand braucht (19)

 

Es gab dann doch noch eine Woche Sonderurlaub, sofort anzutreten und für alle. Ich fuhr mit dem Zug nach Hause, packte das gelbe, polnische Bergzelt und meine Reistasche auf die Seitengepäckträger meines Motorrades und fuhr in Richtung Prag. Uwes Erzählungen über die Tschechoslowakische Hauptstadt hatten mich neugierig gemacht. Es sollte mitten in der Stadt einen Campingplatz am Ufer der Moldau geben, den ich dann tatsächlich auch auf Anhieb fand. Kaum hatte ich mein Zelt errichtet, die paar Heringe notdürftig im steinharten Zeltplatzboden mittels eines Schraubenschlüssels aus dem Motorradwerkzeug versenkt und meine Sachen lieblos durch die Zeltöffnung ins Innere geworfen, da höre ich vertraute Stimmen: Olsen und Ralle aus meinem Zug mit einer jungen Dame. „Was macht ihr denn hier?“ rufe ich ihnen überrascht entgegen. „Die Welt ist ein Dorf“, meint Ralf. Und Olsen: „Bist du alleine hier?“ Ich nicke. „Das hätte ich nicht von Dir gedacht“. „Warum nicht?“, frage ich erstaunt zurück. „Ich dachte, du interessiert dich nur für Segelflug.“ „Willst du mich nicht vorstellen?“ fragt die junge Dame dazwischen und legt Olsen ihren Arm auf die Schulter. „Wenns sein muss“, knurrt der, mehr zu mir, als zu ihr. „Das ist Tommy, schläft über mir im Doppelstockbett“, wendet sich zu mir und zeigt auf seine Schwester: „Mein Schwesterherz.“ „Heike“, ergänzt sie und reicht mir ihre Hand. „Zum Glück sieht du ihm überhaupt nicht ähnlich“, scherze ich und Ohlsen boxt mir in den Bauch, ich spiele einen Zusammenbruch, sie schreit ihn an und ich komme lachend hoch: „keine Angst, haben wir bis gestern noch geübt“. „Ihr Volltrottel!“, schreit sie uns an und geht. Ich schauen sehnsüchtig dem sanft wiegenden Bewegung ihres wohlproportionierten Hinterteils nach, als Olsen mich erneut in den Bauch boxt: „Finger weg!“, dröhnt es in mein Ohr. Hungrig und durstig von der Fahrt, erkundige ich mich nach den Örtlichkeiten. Ralle zeigt auf ein Haus und erklärt: „Ab Sechs ist das Klo auf, wenn du bis halb acht nicht warst, stehst du eine halbe Stunde an und hast kein warmes Wasser mehr beim Duschen, außerdem sind die Hörnchen beim Frühstück alle. Abendbrot gibt’s bis zwanzig Uhr, danach nur noch Bier aus Pappbechern, Erdnüsse und Gurken aus dem Glas. Wir leben schon einen Tag so, man gewöhnt sich dran und muss davon garantiert spätestens um sechs aufs Klo. Also nimm Geld mit und folge uns“. Wir stehen den ganzen Abend am Tresen der viel zu engen Kneipe, trinken Bier und Slibowitz, essen Nüsse und Gurken und lassen die Atmosphäre auf uns wirken: Lautes Stimmengewirr in fremden Sprachen, unbekannte Gerüche und Polka aus dem Radio. Heike tastete sich ganz allmählich an Olsen vorbei bis sie neben mir am Tresen steht. „Gehst Du morgen mit uns?“ fragt sie mich. „Wenn es dir Freude macht“, antworte ich höflich. Sie grinst mich an: „Hast wohl Angst vor meinem Bruder?“ „Nein“, entgegne ich, „wir sind etwa gleich stark“. Sie lacht so herzlich, das es ansteckend ist. Es ist unsere erste Gemeinsamkeit, und führt dazu, dass wir uns mit abebbendem Lachen in die Augen schauen: da ist mehr als nur Neugier. Olsen bemerkt es und bricht den Abend sofort ab: „Lasst uns ins Zelt gehen, es ist Zeit. Nacht Tommy“. Er packt Heike bei der Hand und zerrt sie aus der Kneipe, sie zwinkert mir zu und winkt mit der anderen Hand. Ralle grinst: „Er schläft zwischen uns…, Nacht“. „Nacht Ralle“, rufe ich ihm hinterher, zahle und schlendere, nach den Lichtern auf der anderen Moldauseite und den Sternen schauend, zu meinem Zelt.

Prag ist wunderschön. Und Heike interessiert sich zunehmend für mich. Irgendwann trennen wir uns von Olsen und Ralle um eigene Wege zu gehen. Wir brauchen eigentlich nur einen großen Bogen um jeden Biergarten zu machen und schon sind wir vor ihnen sicher. Heike hat gerade ihr Abi geschafft und beginnt in ein paar Tagen Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Wir halten einander an den Händen, tollen herum bis es dunkel wird und fahren mit der letzten Bahn zurück. Olsen und Ralle stehen in der Kneipe, das übliche. Olsen sagt nichts, sein Gesicht spricht Bände, wenn Blicke töten könnten, ich trinke ein Bier, verabschiede mich, gehe zum Zelt. Heike liegt schon unter meinem Schlafsack: „Ich kann leider nicht richtig, wir kuscheln ein wenig“, verkündet sie und während ich mich entkleide, streift sie ihr Shirt ab. Das fahle Licht der Quecksilberdampflampe fünf Meter über uns nimmt durch die gelbe Nylonwand meines Zeltes eine freundliche helle Farbe an. Ich streich über die zarte Haut ihres Gesichtes, sie küsst mich. „Glaube ja nicht, dass ich mit jedem gleich ins Bett gehe, flüstert sie mir ins Ohr“. „Das hier ist kein Bett“, witzele ich. „Du blöder Kerl, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“. „Du glaubst es? Oder ist es die Gelegenheit“, hauche ich flüsternd in ihr Ohr, während sich meine Hände über ihre Brust hermachen. „Du nutzt doch diese Gelegenheit“, höre ich aus dem leisen Seufzen an meinem Ohr heraus. Wir hören Stimmen, halten inne. Heike legt meine Hand wieder auf ihre Brust und küsst mich: „Ich bleibe heute Nacht bei dir, ist mir egal, was mein Bruder denkt“. Ich schiebe meine Zunge über ihren feuchten Körper, während sie verzückte Geräusche machend, mit ihren Händen mein Glied zwischen ihre Oberschenkel drückt und damit an ihrem Slip reibt. Ich ziehe die Luft zwischen meinen Zähnen durch vor Erregung und flüstere: „Das geht schief, wenn du da weiter reibst mache ich dich gleich nass“. „Na und“, haucht sie und drückt mich ganz fest an sich.

„Du musst mich unbedingt besuchen, in Berlin“, sagt sie nach einer Weile. „Wir haben doch noch vier Tage. Und Nächte“, flüstere ich und wandere mit meinen Fingern über ihre zarte Haut. Olsen nimmt es murrend hin, dass seine Schwester ausgerechnet mich unter Millionen von verfügbaren Männern ausgesucht hat und pflegt nach unserer Rückkehr eine Art familiären Umgang mit mir. Wir treiben zusammen Sport, er schließt sich meiner Lernpatenschaft zu Uwe an und wir gehen gemeinsam aus. Olsen hat zusammen mit Hardy, dem dritten Bewohner unseres Zimmers, Schiffbauer gelernt. In Kamenz absolvierten sie gemeinsam das uniformierte Abitur. Einerseits erachtete ich es damals als verschwendete Zeit, einen artfremde Beruf zu erlernen, wenn die Fliegerärzte das o.k. zur Luftfahrerkarriere gegeben haben, andererseits bewunderte ich an diesen Leuten ihre Gelassenheit. Sie haben einen Beruf gelernt und gearbeitet, richtiges eigenes Geld verdient und leben mit dem beruhigenden Gefühl, falls alles schief geht, dorthin zurückkehren zu können, zu den alten Kollegen, in ein bekanntes Umfeld. Würde ich gehen, stünde ich vor dem Nichts: Studiensperre für Jahre und ohne Beruf, Erfolgsdruck. Olsen bekommt mit, dass Briefverkehr mit zwei Heiken habe und stellt mich zur Rede: Die Beziehung zu meiner alten Freundin Heike ist rein platonisch. Er glaubt mir nicht und verlangt einen Abschiedsbrief, wenn ich mit ihm nach Berlin will. Ich schreibe einen, in dem nichts von Abschied steht, aber die rechte Adresse und werfe ihn unter Olsens Aufsicht in den Kasten. Dann darf ich nach Berlin. Olsens Familie wohnt in der 12 Etage eines Edelplattenbaus mitten in Berlin: großzügiger Wohnungsschnitt, 5 Zimmer, Fahrstuhl, Fernheizung, Müllschacht. Beide Eltern haben gut bezahlte Posten im Landwirtschaftsministerium. Olsen hat noch einen jüngeren Bruder und Heike ein eigenes Zimmer. Dort darf ich meine Sachen abstellen. Heike und ich gehen aus, um Zeit für uns zu haben. Berlin ist nicht Prag. Wir spüren beide, dass sich die Urlaubsliebe schwer in den Alltag umsetzen lässt, verdrängen das Gefühl, versuchen ausgelassen zu sein. Der Abend endet mit Berliner Pilsener, mit einer beleidigten Heike, die lange vor mir in ihr Bett steigt, während ich meinen Rausch auf dem Gästebett ausschlafe: die Brüder haben ihr Schwesterlein optimal vor mir, dem bösen Waldschrat geschützt. Olsen weckt mich mit guter Laune, der Tag wird nicht zu meinen Besten gehören und Heike verabschiedet mich ohne Kuss zum Zug nach Bautzen. Da Olsen keine Briefe seiner Schwester mehr bei mir vorfindet, stellt er seine familiären Beziehungen zu mir alsbald ein. Ich schreibe wieder an meine platonische Beziehung.

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