Geschichte(n), die niemand braucht (16)

 

Es gab natürlich nach Dienstschluss auch Ausgang in die Stadt Bautzen: an den Wochentagen bis 24 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen bis zum Wecken am nächsten Morgen. Gegenüber der großen Anhäufung von Männern in den Kasernen, war das natürliche Vorkommen an entsprechender Weiblichkeit in Garnisonsstädten immer zu gering und verursacht beim Besuch von Tanzveranstaltungen entsprechenden Streit um die Mädels. Um den damit verbundenen öffentlichen Stress zu begrenzen, hielt die militärische Führung der Offiziershochschule die Anzahl der Ausgänger möglichst gering und begründete es mit der ständigen Gefechtsbereitschaft der Staaten des Warschauer Vertrages, in die man fest eingebunden sei. Unsere Sportoffiziere trainierten für den Nahkampf mit dem Feind und erwarteten die Kunde von entsprechenden Siegen auf der heimischen Nahkampfdielen, den umliegenden Tanzlokalen und Diskotheken. Nun existierte in Bautzen ein wirklich heißer Tanzschuppen, in dem es eigentlich einmal wöchentlich zur Sache ging. Dort hatte sich eine Gang einheimischer Rocker festgesetzt und machte uns Offiziersschülern das Tanz-Leben zu Hölle. Oberstleutnant Krause, Sportoffizier und Nahkämpfer aus Leidenschaft, konnte und wollte sich das Drama in dieser Bar nicht länger teilnahmslos mit ansehen. Eines Abends trabten seine besten Nahkämpfer mit ihm an der Spitze locker im Trainingsanzug von der Kaserne zur Bar, verschafften sich Zutritt und prügelten alle windelweich, die keine Uniform an hatten. Am nächsten Tag degradierte man ihn vom Oberstleutnant zum Major. Seine Beförderung ließ aber nicht lange auf sich warten, weil er und seine guten Nahkämpfer zur Abwechslung mal innerhalb der Kaserne gebraucht wurden. Dort stand wieder einmal ein Entlassungstermin der Grundwehrdienstleistenden bevor. Diese Soldaten und Unteroffiziere zelebrierten ihre EK (Entlassungskandidaten)-Bewegung. Dabei wurden die EK´s von den neu eingezogenen Genossen Soldaten von vorne bis hinten bedient, neue sperrte man in Schränke und ließ sie singen (Musikbox) und stürzte sie dann um oder band Ellebogen und Knie an Stahlhelmen fest und zerrte die Jungs über den Fußboden der Flure. Für die EK´s hießen wir einfach nur Tagesäcke, weil die vor uns liegenden Tage bei der Armee, als abgeschnittene Schnipsel eines Schneiderbandmaßes gesammelt, ganze Säcke füllen würden. Oder sie nannten uns einfach Pupse, weil sie unsere Meinung genau so viel interessierte wie ein Furz. Zu Eskalationen des Verhältnisses von
EK´s und OS kam es regelmäßig im Kinosaal der Kaserne, wenn das Licht vor dem Film ausging und die Gesänge und Beschimpfungen durch die EK´s einsetzten. Die militärische Führung hatte alles probiert und war am Ende der legalen Mittel angelangt. Man versammelte uns Offiziersschüler im Hörsaal zu einer quasi konspirativen Veranstaltung, der Schulkommandeur erläuterte die Situation und verlangte von uns eine handfeste Klärung, ein für alle mal: „Major Krause wird sie unterstützen, Genossen. Wir lassen uns das nicht länger gefallen. Heute Abend ist eine Kinoveranstaltung angesetzt. Handeln Sie! Wegtreten!“
Das Kino hätte zwar alle OS gefasst, dann hätten aber keine EK´s Platz gehabt. Also teilte Body Krause die genaue Gefechtsformation ein: „Scheinwerfer auf die Bühne, Ausgange bewachen, es darf keiner entkommen. Die OS tragen Kampfanzug, damit sie sich eindeutig von den EK´s unterscheiden. Wir lassen die erst alle rein und rücken dann gemeinsam vor. Ich leite die Aktion von der Bühne aus. Das Licht geht aus, wir lassen sie brüllen, das Licht und die Scheinwerfer an und dann bekommen sie ihre Abreibung. Aufpassen Genossen, keine tödlichen Schläge. Zweite Kompanie, Erster Zug, OS Herbst, Sie stehen an den Seitenflügeln und schmeißen die Leute raus.“ „ Zu Befehl, Genosse Major!“ Es war wohl die größte, geduldete Prügelei in einer Kaserne. Die EK Bewegung war am Ende, sogar die Bandmaße hatten wir ihnen abgenommen, die größte mögliche Schande innerhalb ihres Kultes.

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