Geschichte(n), die niemand braucht (14)

 

Für mich, wie für viele andere, ist während der langen, kalten Winternächte 1979 im Lausitzer Braunkohlerevier ein Teil unserer Weltanschauung zusammengebrochen. Bis dahin hatte ich der sozialistischen Gesellschaft so weit vertraut, dass ich bereit war, persönliche Pläne für meine Zukunft zu verwerfen und das Waffenhandwerk zu erlernen, weil mein Land das von mir verlangte. Nun sah ich die bodenlose Schlamperei in diesem Braunkohletagebau, verursacht von Helden der Arbeit, ich erlebte das verlogene Hervorbringen neuer Helden, trinkfest und dumpf im Klopfen von proletarischen Sprüchen: „Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf!“ Zum ersten Mal spürte ich das rücksichtslose Streben der Dummen nach der Macht, die es ihnen dann erlaubte, die Schlauen in die Knie zu zwingen. Damals dachte ich: das kann doch nicht sein! Mit Niemanden konnte ich darüber sprechen. Ich habe es in meinen Gedanken versteckt und nur manchmal in Geschichten eingebaute Denkmuster in mein Top Sekret Buch geschrieben, einfach um es von der Seele zu haben. Auch kann ich mich an zwei Briefe aus dieser Zeit erinnern, die gegensätzlicher nicht sein konnten. Der eine war an meine Eltern und beinhaltete eine selber zusammen gebastelte Begründung, warum ich diesen Beruf ausüben sollte und der andere an mein Vorbild Fritz Fliegauf, bei dem ich mich über das Übermaß an Dummheit beschwerte. Nein, es war nicht die Überheblichkeit eines Abiturienten gegenüber dem Proletariat. Unter Dummheit verstand und verstehe ich das Ignorieren, Schönfärben oder sich passend zu Recht lügen der Realität, ausgehend von der Schlussfolgerung, welche man gerne ziehen will. Sozialpolitische Maßnahmen zur Verbesserung des Lebens in der DDR und verstärkte Aufrüstung, ohne die notwendigen Finanzen im Hintergrund, trieben eine große Idee in den Ruin. Das ganze nannte sich Klassenkampf und war natürlich vom Gegner aufgezwungen. Dieses Argument diente immer wieder gerne zum Zudecken der eigenen Fehlbarkeit. Damals dachte ich, es wäre ein Phänomen der entwickelten sozialistischen Gesellschaft auf dem Weg durch die weite Ebene hin zum klassenlosen Kommunismus. Dass es mal in der spätkapitalistischen Gesellschaft ein unverzichtbarer Teil der Staatsdoktrin werden würde und dass ich das dann auch noch erleben durfte, davon hätte ich nicht zu träumen gewagt.

Irgendwann wurde es wärmer und wir bezogen wieder unsere Vierbettzimmer im Plattenwohnblock der Kaserne. Auf fünf Etagen verteilten sich über 300 Offiziersschüler. Alle standen zur gleichen Zeit auf, das dritte Lehrjahr ging zu Morgentoilette, die anderen beiden zum Frühsport: 1500 m auf Kopfsteinpflaster und Panzerkettenglieder stemmen, danach war man wirklich wach. Alle stürmten zu den Wasserhähnen, um sich zu rasieren und die Zähne zu putzen und jeder drehte das Wasser auf und ließ es laufen. Der Wasserdruck ist jeden Morgen zusammengebrochen und die Rasiercreme landete im Handtuch. Im Gebäude wohnten einfach doppelt so viele, wie baulich vorgesehen. Wirklich für sich, also mit sich alleine, war man nur in seinen Träumen.

Das so genannte Studium bestand zu 100 Prozent aus Pflichtveranstaltungen In allen Fächern. Es beinhaltete zu etwa 40 Prozent Marxismus-Leninismus. Die Lehrer für diese gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung, waren entweder zu keiner anderen „Wissenschaft“ fähig, oder/und Dummschwätzer. Aber es war auch ein Philosoph dabei. Jede Stunde bei dem war ein Genuss: auf jede Frage eine Antwort. Dieser Mensch hatte folgendes begriffen: wenn ein Pilot anfängt sich etwas vorzumachen, sich selbst und andere anzulügen, wird bald gestorben. Als Vertreter der reinen Lehre, fiel es ihm nicht schwer, alle Probleme auf den Kampf der Arbeiterklasse mit den Imperialisten zurück zu führen und die betreffenden Stellen aus den Klassikern des Marxismus/Leninismus zu zitieren. Als gebildeter Mensch mitten zwischen den Dummschwätzern stellte er für mich die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft dar. Mit seinen 55 Lebensjahren, glaubte ich ihm einfach seine Erfahrung und Zuversicht. Wenn es so einer hier aushält, dachte ich, kann der Laden gar nicht so schlecht sein und fasste neuen Mut.

Die fachliche Ausbildung in Aerodynamik/Flugmechanik, Flugzeugkunde, Navigation, Meteorologie, Elektro-–, Spezialausrüstung, Funk–, Funkmessausrüstung sowie Bewaffnung, Strategie und Taktik, fremde Streitkräfte, war sehr umfangreich und solide. Die Lehrer im Hochschuldienst rekrutierte die Schule während der ersten Jahre ihres Bestehens direkt aus der Truppe, später von der russischen Militärakademie, die man erst nach mehrjährigen Einsatz in der Truppe besuchen durfte. Unsere Lehrer waren erfahrene Genossen, die wussten, wovon sie sprachen. Sie hatten im großen Land, wie wir die Sowjetunion liebevoll nannten, Erfahrungen an modernsten Kriegswaffen gemacht, waren als Beobachter im Afganistan-Einsatz. Unsere Lehrer hatten bei der Roten Armee gelernt, die seit dem zweiten Weltkrieg nie aufgehört hatte zu kämpfen. Irgendwo gab es immer einen Krieg wo sowjetischen Truppen offen oder verdeckt zum Einsatz kamen. Die Lehren des Großen Vaterländischen Krieges hatte die Sowjetunion mit 16 Millionen Toten bezahlt. Niemals wieder sollte ein Überfall auf dieses Land gelingen. Wir kamen uns mächtig klein vor mit unserer Antonov 2

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