Geschichte(n), die niemand braucht (13)

 

Die Freude währt jedoch nur eine Stunde. Gerade sind wir fertig mit dem Essen, kommt der Befehl: Alles raustreten, der Kohlezug steht auf der Strecke, Spitzhacken und Schaufeln mitnehmen, wir marschieren hin. Die verschneiten Gleise entlang, stapfen wir die drei Kilometer zum Zug. Einer der Waggons hat sich zur Seite entladen und die nasse Kohle friert gerade auf den Gleisen fest.  Die Verriegelung einer seitlichen Klappe muss aufgesprungen sein. Wir hacken und schaufeln wie um unser Leben. Immer wieder müssen wir zurücktreten, weil die Zugbesatzung das Anfahren testen will. Nach endlosen Versuchen bewegen sich unzähligen Tonnen verbeultes Eisen und gefrorene Rohbraunkohle Richtung Kraftwerk. Total erschöpft wanken wir in der Dunkelheit die Gleise entlang zurück und werden sofort in unsere Quartiere gefahren. Dort gibt es nach einer heißen Dusche eine Ration Grubenschnaps. In dieser Nacht ruft die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik den Ausnahmezustand aus und übergibt die Leitung der Grube an die Nationale Volksarmee. Nun werden die ganz großen Spielzeuge rausgeholt: zum ersten Mal sehe ich ein Bergungsgerät für Panzer. Das Ungetüm sieht hypermodern aus. Mühelos fährt auf 16 einzeln elektrisch angetriebenen, mannshohen Rädern. Im hinteren Teil treibt ein Dieselmotor den Generator führ den Fahrstrom und die umfangreichen Extras an. Der Fahrer und weitere 10 Menschen finden in einer voll hermetisierbaren Kabine Platz. Mit dem Fahrzeug sollen wir uns um Brücke und Gleise kümmern.

Nach zwei Tagen Militärdiktatur in der Grube rauchen wieder alle vier Schlote des gigantischen Braunkohlekraftwerkes am Ende der Gleise. Die Zeit der Hau-Ruck-Einsätze weicht einer festen Arbeitseinteilung. An Problemstellen stehen uns Kohlekumpel mit ihrem Fachwissen zur Verfügung. Eigentlich stehen sie uns eher des Öfteren nicht zur Verfügung, da der Grubenschnaps nachts die Runde macht. In Abwesenheit des Fachwissens greifen wir wieder zum Bagger und befreien die Umlenkstation großzügig von heruntergefallender Kohle. Das verschafft uns Freizeit. Wir trocknen Rohbraunkohle am offenen Feuer um einen Bauwagen zu heizen um Doppelkopf zu spielen. Wolfgang  besucht den trunkigen Kumpel auf der Bandumlenkanlage und gerät in eine Inspektion von Vorgesetzten: Wolfgang  wird als Held der Arbeit ausgezeichnet, weil er irgendwelchen Inspektoren bei deren nächtlichem Besuch erklärt, dass der schlafende, betrunkene Kumpel hier neben ihm für die Bandumlenkanlage zuständig ist, aber er, der Offiziersschüler, eigentlich diesen Job aus innerer Überzeugung macht. Held der Arbeit war nicht irgendein Orden, er war nahe am späteren Begräbnis auf Staatskosten. Stellvertretend für uns alle erhielt er seinen Orden.

Es traf schon den richtigen Mann: Wolfgang hatte die unangenehme Eigenschaft der verbalen Leitfähigkeit. Ihm kund getane Meinungen oder bekannt gewordene Informationen wussten stets auch andere: aufgeschnappte Informationen werden weitergeleitet an Vorgesetzte. Diese Leute wiederum teilen Dir dann ihr Wissen über dich mit, um zwei Sätze später ihre Verschwiegenheit zu betonen: „Das bleibt natürlich alles unter uns!“ Und schon ist man erpressbar. Dabei wäre ein einziges reinigendes Gewitter ausreichend gewesen um fehl gelaufene Dinge entsprechend der geltenden Spielregeln in Ordnung zu bringen. Aber so tickte sie nun mal, die Macht in der DDR.

Das Tageslicht verschlafen wir im Arbeiterwohnheim Weisswasser des Braunkohlekombinates Schwarze Pumpe. In dem Plattenbau herrschen angenehme Temperaturen, man kann warm duschen und es gibt richtige Betten. Ich kaufe mir am Zeitungskiosk englische Rätselheftchen und versuche ein paar neue Vokabeln zu lernen. Das Gehirn verlangt einfach nach Futter und Betätigung. Meine Zimmergenossen können nicht verstehen, dass ich die Schlafenszeit mit anderen Dingen verbringe und ich habe meine erste und einzige Prügelei. Es geht eigentlich um die Ausübung von Macht meines Freundes Uli, der nach dem Rotationsprinzip jetzt Gruppenführer ist und über mir steht. Macht verändert die Menschen. Das am eigenen Leibe zu begreifen, ist Teil unserer Ausbildung. Freundschaften dürfen keine Rolle spielen, wenn ein Vorgesetzter seine Unterstellten auf eine Mission in den sicheren Tod schickt. Ich ertappe mich, darüber sinnierend, einen ungeliebten Menschen im so genannten Ernstfall aus dem Weg zu räumen. Es würde bei dem Töten und getötet werden wahrscheinlich gar nicht auffallen. Nachdem die Szene in meinem Hirn mit konkreten Personen abgelaufen ist, schäme ich mich abgrundtief dafür. Wie konnte ich nur auf so einen Gedanken kommen? Denken die anderen auch so? Ist das im Sinne unseres sozialistischen Menschenbildes, dass wir bereit sind, wie Tiere aufeinander loszugehen?

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