Geschichte(n), die niemand braucht (12)

 

Panzer fungieren als Schneeräumfahrzeug im Tagebau. Bildrechte: MDR/HA Kommunikation

Zufällig gibt es eine Sendung des MDR heute Montag, den 16.01.2017 im ERSTEN (ARD) zum Text:

Entwicklung der Braunkohleindustrie Winterschlacht in der DDR

Während sich unsere Körper schnell an die neuen Belastungen gewöhnen, stumpft der Geist allmählich ab. Ich habe gerade mein Abitur in einer humanistischen Schule abgelegt und komme mit den preußischen Gepflogenheiten des Militärs nicht klar. Befehl und Gehorsam sind mir zu wider. Nur mein Wunsch, Flieger zu werden hält mich bei der Stange. Auch das ist den Genossen bewusst und sie kommen irgendwann zu mir mit einem Zettel, der mit Zweitverpflichtung überschrieben ist. In dem Dokument, welches ich unterschreiben soll, steht Folgendes: Im Falle medizinischer Untauglichkeit für den Einsatz als Flugzeugführer, verpflichte ich mich, die Stelle als Offizier einzunehmen, an der mich die Partei der Arbeiterklasse am dringendsten braucht. Ich erkläre dem Sekretär der Partei, dass ich das so nicht unterschreiben kann, da ich hierher gekommen bin um Flieger zu werden. Das ist mein Talent. Wenn das nicht mehr geht, muss ich neu entscheiden. Mit dieser Auffassung kannst du aber nicht Kandidat der Partei werden, erklärt mir Genosse Pasch und ich verspreche es mir zu überlegen. In der folgenden Zeit heftet sich Paschs alter Fliegerkumpel Straßburg, der als OS in meinem Zug dient, an meine Fersen um mich auszuhorchen. Es ist unangenehm, weil ich nun auch noch aufpassen muss, was ich wem in wessen Anwesenheit erzähle.

Langsam geht es auf den Winter zu und der wird dann auch befohlen, wie alles in der Armee. Wir tragen nun eine furchtbare Filzuniform, die noch aus Zeiten des alten Fritz stammen muss. Nun sind wir über jeden Tag glücklich, an dem wir in eine andere, der vielen zur Verfügung stehen Verkleidungen schlüpfen können.

In diese Zeit fiel der strenge Winter, der zum Jahreswechsel 88/89 begann. Wir hatten keinen Urlaub und gerade die Büchse Nordhäuser Doppelkorn geleert, welche mein Nachbar sorgfältig verschlossen hatte, damit ich sie, als Leberwurst getarnt, in die Kaserne schmuggeln kann. Plötzlich gingen die Sirenen und Hupen: Gefechtsalarm! Alles mitnehmen, kein Probealarm! Aufsitzen auf Lastkraftwagen Typ W50 und Abfahrt in Dunkelheit und Kälte. Rumstehen im Kinosaal eines Kulturhauses irgendwo in der Niederlausitz, spekulieren, rauchen, frieren, aufsitzen, zurück, ausschlafen. Der nächste Tag bringt die Verlegung in ein Arbeiterwohnheim in Weiswasser mit dem Auftrag: sozialistische Hilfe bei den Kohlekumpels.

12 Stunden Nachtschichten waren angesagt. Ich glaube, die Republik hat in diesen Tagen ernsthaft ums Überleben gekämpft. Mit Schaufel haben wir im Licht der Sterne und des Mondes an kilometerlangen Bandanlagen gestanden und geschaufelt um nicht zu erfrieren. Auf dem Band liegt nasse Braunkohle, die beim Herunterfallen sofort anfriert. In der zweiten Nacht wird ein Genosse vom Band erfasst und stirb auf dem Weg ins Krankenhaus. Tagsüber erledigt das Freihalten des Bandes ein Kumpel mit einem Bagger. Dem ist aber die Republik nicht so wichtig, dass er nachts arbeiten will. Nach einer Stunde Zuschauen kennen wir die Technologie, wie, wo der Bagger gestartet wird und das Dieselfass steht und benutzten einfach das Gerät. Das verkürzt unsere effektive Arbeitszeit von 12 auf 4 Stunden. Den Rest der Zeit verbringen wir mit Schlafen und Doppelkopfspielen in einem Bauwagen, den wir mit Braunkohlenbrikett heizen, da die Rohbraunkohle eigentlich nur besserer Dreck ist und direkt vom Band niemals zuverlässig gebrannt hätte. Das geht nur zwei Tage gut. Die Fördermenge hat sich stabilisiert, die Kohle kommt aber nicht im, nur wenige Kilometer entfernten Kraftwerk an. Das hat folgende Ursache: Ausgangs des Tagebaus existiert noch mal eine Art Minitagebau mit Förderbrücke. Die Kohleförderbänder aus der Grube entladen sich im Förderbereich der kleinen Brücke und bilden dort Braunkohleberge, eine Art Puffer. Die kleine Brücke baut dann ihrerseits den Puffer ab und schüttet die Rohbraunkohle in Züge, welche direkt zum Kraftwerk fahren. Die Quecksilbersäule steht jetzt stabil auf 28 Grad unter null. Heruntergefallene Kohle ist angefroren und blockiert die Verladebrücke auf dem Gleis. Mit Spitzhacke und Schaufel kämpfen wir die halbe Nacht am Gleis. Die Nacht ist kristallklar und der Mond beleuchtet die vier riesigen Schornsteine des Kraftwerkes, von denen nur noch einer qualmt. Wir spüren, dass es hier ums nackte Überleben geht. Niemand braucht uns zu agitieren. Trotz freier Gleise bewegt sich die Förderbrücke keinen Millimeter. Da die Grubenleitung nur damit beschäftigt ist, den Bergbauminister telefonisch zu beschwichtigen, kann sie ihrer Aufgabe, Ursachen zu suchen und Entscheidungen zu fällen nicht nachkommen. Wir stehen in der Kälte herum und diskutieren. Unter uns sind Schiffbauer, Baumaschinisten, Leute, die in allen möglichen Berufen gearbeitet haben und sich dieses Elend nicht länger ansehen können. Mit Brecheisen werden die Verkleidungen der Radantriebe geöffnet. Wir stellen fest, dass nur noch 30 Prozent der Elektromotoren in den Antrieben sitzt, die anderen fehlen: als Ersatz anderswo gebraucht oder geklaut. Schlamperei! Wir funken den inzwischen gebildeten militärischen Führungsstab des Tagebaus an und man verspricht uns zwei Panzer. Wir organisieren Stahltrossen und tragen sie zur Brücke. Inzwischen sind die Panzer schon vor Ort. Wir hängen die Trossen um die Antriebe der Brücke und an die Haken der Panzer, begeben uns in sichere Entfernung. Die Panzerbesatzungen verstehen ihr Handwerk: ächzend und schaukelnd setzt sich die Brücke in Bewegung, die erst Kohle fällt donnernd in die, mit großen Eiszapfen besetzten, verrosteten Waggons, wir jubeln.

Spannend! Das hier ist auch eine spannende Geschichte:
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