Geschichte(n), die niemand braucht (11)

 

Mit Maschinenpistole Typ Kalaschnikow, Kaschi genannt, Stahlhelm, Teil 1 (kleines Marschgepäck mit Essbesteck, Kochgeschirr, Schuhputz-, Wasch-, Rasier-, und Nähzeug, Ersatzkragenbinden und anderen, für kürzere Feldzüge absolut notwendige Dingen behangen, einen kessen Marschgesang auf den Lippen bewegen wir uns im Gleichschritt die Ausfallstraße unserer Garnisonsstadt entlang. An der Stadtgrenze geht es auf Feldwegen ohne Tritt (jeder geht wie er will, aber in der Marschformation) weiter, unterbrochen von imaginären Tieffliegern, für oder gegen die wir uns jedes Mal in den Straßengraben oder an den Feldrain werfen müssen, die MPi mit den Platzpatronen im Anschlag, wartend auf den Schießbefehl.

Das Übungsgelände ist ein zerfurchtes Hügelland mit Teichen, Tümpeln und etwas Wald. Über einen der Tümpel haben die Planer der Soldatenspiele ein Seil gespannt. Mit der weiter oben schon beschriebenen Ausrüstung soll ich über das Seil auf die andere Teichseite hangeln. Die Erfahrenen Krieger unter uns bewältigen das auf dem Seil liegend. Ich versuchte es hängend. Irgendwo über der Mitte des Wassers rutschen meine Hände ab, ich hänge eine Weile mit dem Kopf in der trüben Brühe, irgendwann folgen die Beine den Gesetzen der Schwerkraft indem sie sich von selbst aus den Stiefeln befreien, ich lande im Teich und die Maschinenpistole zertrümmert mein Nasenbein, mein Gesicht trieft vor Blut und Dreckbrühe, ich brülle die Welt mit derben Worten an. Meine Waffe versenke ich samt Stahlhelm im Tümpel, Frieden ist weniger nervig. Der erste, den ich um Hilfe frage übergibt sich sofort, der zweite tritt beiseite und der dritte zerrt einfach sein Verbandspäckchen aus der Beintasche und versorgt mich. Zehn Minuten später ist das Sanitätskraftfahrzeug da und es geht zum Medizinischen Punkt der Kaserne. Der Geschwaderarzt hat Langeweile und meine Verletzung kommt ihm gerade recht. Nach einer kurzen Untersuchung diagnostiziert er ein mehrfach gebrochnes Nasenbein und lässt mich zwecks Röntgenaufnahme in das städtische Krankenhaus bringen. Am späten Nachmittag kehre ich mit der Aufnahme in der Hand zurück und Dr. Wiener beginnt sofort mit der Behandlung. Mit Pinzette und Tampons richtet er vorsichtig den zersplitterten Knochen. Mehrere Tage ernähre ich mich nur von Puddingsuppe, durch eine Schnabeltasse gereicht. In meinem Krankenzimmer lebt neben mir ein Simulant. Er klagt über Schmerzen in der Brust und freut sich nach jeder Visite diebisch, wenn ihm der Doktor einen weiteren Tag ohne Dienst gewährt. Die Genossen Offiziersschüler (OS) aus meiner Kompanie besuchen mich täglich, bis ich irgendwann schuldbewusst nach dem Verbleib meiner Waffe erkundige. „Die steht in der Waffenkammer und rostet vor sich hin. Wenn du sie nicht putzt, gehst du dafür in den Bau“, erklärt mir mein Zughelfer, der dem Zugführer direkt unterstellte OS. „Wie soll ich denn hier meine Kanone Putzen?“, frage ich zurück. „Lass Dir was einfallen, Alter“, antwortet er und geht. Das kann ja heiter werden, denke ich. Zum Glück gab es einen Genossen, der meine Waffe ordentlich eingeölt hat und ich konnte sie ohne größere Probleme reinigen. Nach meiner Entlassung aus dem MED-Punkt ging es mit den anderen in den ersten Erholungsurlaub. Vorher wurden wir „vereidigt“: ein großer Schwur auf die kleine Republik.

Die ersten 18 Monate hatten wir ausschließlich Theorie, bestehend aus allgemein-militärischer, spezial-fachlicher und gesellschaftswissenschaftlicher Ausbildung, Mathematik, Russisch und Englisch. Dazu: Ausbildung an Schützenwaffen und militärische Körperertüchtigung. Die Tage beginnen mit 1500 Meter Dauerlauf in Stiefeln und Sportzeug und enden mit irgendwelchen politischen Versammlungen oder Pflichtfernsehen. Alle fallen total fertig in ihre Betten, um wenige Stunden später für einen Probealarm wieder aus dem Bett zu springen. „Genossen, was uns nicht umbringt, macht uns härter!“, ist der Slogan unserer Kompanieoffiziere. Damit wir Erfahrungen mit der Menschenführung bekommen, ist unsere Kompanie (66 OS) in 3 Züge (25/25/16) und unser Zug (16 OS) in 3 Gruppen unterteilt. Jede Gruppe wird von einem Gruppenführer befehligt, der Zughelfer hat in Abwesenheit des Zugführers das Kommando. Die vier OS einer Gruppe bewohnen jeweils ein Zimmer, die drei Gruppenführer, zusammen mit den Zughelfer, ein weiteres. Gruppenführer und Zughelfer rotieren innerhalb des Zuges. Unser Gruppenführer, Peter Götze, bringt es nicht übers Herz, die unangenehmen Dinge des militärischen Alltages an uns, seine Unterstellten weiterzugeben. Dabei versucht er, besonders korrekt seiner Vorbildrolle als militärischer Vorgesetzter gerecht zu werden und scheitert menschlich daran. Er schreibt sein Entlassungsgesuch und wird praktisch über Nacht von uns getrennt. Die in solchen Dingen erfahrenen Kompanieoffiziere haben Angst, dass es wie eine ansteckende Krankheit um sich greift. Peter wird vor versammelter Mannschaft zum Soldaten degradiert und auf der Stelle in die Wachkompanie des Flugplatzes, damit wir ihn nie wieder sehen, versetzt. Unsere Einheit hat ihren ersten Skandal.

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