Geschichte(n), die niemand braucht (10)

 

Wie schon gesagt: ALLES FREI ERFUNDEN…

Offiziershochschule der LSK/LV „Franz Mehring“

Das Jahr 1978 schnitt eine scharfe Kurve in meiner Lebenslinie. Ich hatte ein gutes Abitur hingelegt, den ganzen Sommer auf Flugplätzen verbracht, mich neu verliebt, meine Motorflugausbildung beendet und meinen neunzehnten Geburtstag gefeiert. Dann jedoch kam der Tag der Einberufung für mich. Am Tag davor ließ ich mir meine Haare kurz schneiden und nahm Abschied von Familie, Wellensittich und Thüringen. Am nächsten Morgen setzte ich mich in den ersten von vielen Zügen, die mich in die Oberlausitz, nach Bautzen bringen sollten. Unterwegs stiegen immer mehr bekannte Gesichter zu. Begegnungen von Flugplätzen oder „Überlebende“ der „Selektion“ vom Institut für Luftfahrtmedizin in Königsbrück. Sind meine Haare kurz genug? Was wird mit unseren Zivilklamotten? Darf man da rauchen? Banalitäten, die uns durch die Köpfe gingen.

Auf dem letzten Umsteigebahnhof war klar: diese Jungs wollen alle nach Bautzen. Ab da waren auch schon Uniformierte dabei. Dunkelgrünes Tuch mit himmelblau umrandeten Kragenspiegeln und silbernen Schwingen. Ein S auf dem Schulterstück. Was bedeutet das?

„Bahnhof Bautzen: Offiziersschüler auf dem Bahnhofsvorplatz antreten!“, tönt es aus dem Lautsprecher am Bahnsteig. Irgendwelche Leute in Uniform brüllen herum und versuchen aus den kofferbeschwerten, wie aufgeregte Hühner durcheinanderlaufenden Gestalten einen Zug aus Menschen zu formieren, der sich entlang der abgesperrten Straße in Richtung Kaserne bewegen sollte. Irgendwann gelingt das dann endlich und wir durchschreiten alle gemeinsam das Tor zu Freiheit in der umgekehrten Richtung.

Inzwischen ist es dunkel geworden und ich kann schemenhaft ein riesiges Karree aus älteren Kasernenbauten erkennen, in deren Mitte ein mehrstöckiger Plattenbau und ein dreistöckiges Glashaus mit treppenartig angeordneten, riesigen Fenstern steht. Im obersten Stockwerk des, etwa 60 Meter langen, 10 Meter breiten und fünf Stockwerke hohen Plattenbaus beziehen wir Quartier. Als erstes werden wir in Dreiergruppen in eines der hinteren Zimmer geschickt, wo 3 Friseurlehrlinge unserer Kopfhaare einheitlich auf vier Millimeter Länge kürzen.

Am nächsten Morgen weckt man uns mit der Trillerpfeife. Das Marschieren zum Essengebäude im Gleichschritt funktioniert noch nicht richtig – na ja, die Neuen eben. „Genossen Offiziersschüler, das ist für die nächsten drei Jahre ihre Bewegungsart“, brüllt uns der Kompaniechef persönlich an.

Puddingsuppe in Schokolade oder Vanille, Pflaumenmus aus riesigen Schüsseln, nasskalte Wurst in dünnen Scheiben, Brötchen vom Backwarenkombinat und Kaffee aus zerbeulten Aluminiumkannen mit wackeligen Henkeln. Schlangestehen für das Essen, reinschlingen. „Wir sind satt, alles auf!“. Schlangestehen, um das Geschirr abzustellen. Antreten zum Appell: „Guten Tag Genossen Offiziersschüler!“ Kurzes Schweigen, in das hinein einzelne Offiziersschüler „Guten Tag, Genosse Major!“ brüllen. „Ab morgen antworten Sie an dieser Stelle: Guten Morgen Genosse Major. Mein Name ist Major John! Ich bin Ihr Kompaniechef! Das hier ist Hauptmann Krosinski, mein Stellvertreter und Zugführer vom ersten, Hauptmann Pietsch, Parteisekretär und Zugführer vom zweiten und Oberleutnant Wolter, FDJ-Sekretär und Zugführer vom dritten. Das hier ist Stabsfeldwebel Kotzig, der Hauptfeld und Mutter der Kompanie. Die Diensteinteilung entnehmen Sie der Diensttafel am UvD-Zimmer (UvD = Unteroffizier vom Dienst). Der heutige Tag läuft wie folgt ab: Erstens: bis 12.30 Uhr Einkleiden in der B/A-Kammer (B/A = Bekleidung und Ausrüstung) Gebäude 15, unter dem Dach. 12.30 Uhr bis 13.15 Uhr: Einnahme des Mittagessens. 13.30 B/A-Apell. 15.00 Uhr: Versammlung der Genossen zur Gründung der Parteigrundorganisation. 17.00 Uhr: FDJ-Versammlung (FDJ = Freie Deutsche Jugend) mit Wahl der Leitung. 18.00 Uhr: Abendessen. 19.30 Uhr: Aktuelle Kamera (Hauptnachrichtensendung des Fernsehens der Deutschen Demokratischen Republik). 21.30 Uhr: Stubendurchgang der Zugführer, Zughelfer und Gruppenführer. 22.00 Uhr: Nachtruhe. Rauchen nur im Waschraum. Noch Fragen? Nein, keine. Gut! Genosse Oberleutnant!“ der Major richtet seinen Blick auf Oberleutnant Walter: „Lassen sie wegtreten!“. „Zu Befehl, Genosse Major!“, brüllt jener in Richtung Major John. „Kompanie stillgestanden! Wegtreten!“ „Das muss unbedingt geübt werden!“, setzt er mit seiner sich überschlagenden norddeutschen Stimme hinterher, als einige die Antreteordnung nicht, wie vorgesehen mit einer Linksdrehung um 180 Grad und einem deutlichen Ausfallschritt verlassen, sondern einfach losschlendern. In das Durcheinander brüllen nun die Zugführer hinein: „Erster Zug zu mir!“, „Zweiter Zug zu mir!“, „Dritter Zug zu mir!“. Wir werden der Größe nach in Antreteordnungen zu Marschformationen ausgerichtet und durchmessen das Kasernengelände mit Marschgesang. Nach zwei Tagen wissen wir worauf es offensichtlich ankommt: Rasur, Stiefelputz, Kragenbinde, Bügelfalte der Hose hinten sauber herumgeschlagen und in den Stiefel eingelegt und ordentliche Ehrenbezeigung zu jedem Vorgesetzten dem man begegnet. Unsere militärische Grundausbildung kann beginnen. Meine Frau fasste den Inhalt später treffend mit dem Ausdruck: „In die Pfütze fallen“, zusammen.

 

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